Coburger Porzellan – Vom Schloss ins Wohnzimmer

Porzellanindustrie

Ein Wendepunkt in der bürgerlichen Lebensweise des 19. Jahrhunderts war der Wechsel vom Zinn- zum Porzellangeschirr. Ursprünglich dem Adel vorbehalten, wurde Porzellan im Zeitalter der Industrialisierung für alle Gesellschaftsschichten erschwinglich. Dies führte zu einer massiven Steigerung der Porzellanherstellung. Zwischen 1871 und 1914 entstanden zahlreiche Porzellanfabriken, begünstigt durch neu entdeckte Kaolin-Vorkommen in Oberfranken, der Oberpfalz, Sachsen und Thüringen.

Namenhafte Fabriken der Region

Kaolin verleiht dem Porzellan seine typische weiße Farbe. Zeitweise wurden in Mitteldeutschland und Nordbayern bis zu 90 Prozent des deutschen Porzellans hergestellt. Inmitten dieses Gebiets lag das Herzogtum Coburg. Dort begann die Industrialisierung der Porzellanherstellung 1876, als Franz Detlef und William Goebel in Oeslau (heute Rödental) eine Fabrik eröffneten. Drei Jahre später ging der erste Brennofen in Betrieb. Oeslau war ideal, da es reiche Lehmvorkommen und ausreichend Wasser aus der Itz gab.

Goebel stellte Kaffeetassen, Milchkrüge, Eierbecher und Servicés her und konnte sich erfolgreich am Markt positionieren. In den 1890er Jahren folgten weitere Unternehmer diesem Vorbild. Julius Griesbach gründete 1890 in Cortendorf eine Fabrik für Haushaltsporzellan. 1894 eröffnete Max Roesler in Bad Rodach eine Feinsteingutfabrik, und 1895 gründeten Alfred Rose und Otto Schulz in Creidlitz eine weitere Porzellanfabrik. Diese wurde 1900 zur Porzellanfabriken Creidlitz AG.

Neben Haushaltsporzellan stellten die Unternehmen auch Kunstkeramiken her. Die 1878 gegründete Coburger Porzellanfabrik Riemann produzierte Stuhl- und Wackelfiguren sowie bewegliche Heilige. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts gewann die Produktion von Porzellanfiguren an Bedeutung und verdrängte die Herstellung von Haushaltsporzellan. Goebel erweiterte sein Sortiment um Kunstkeramiken und etablierte sich auf dem amerikanischen Markt. 1911 besaß das Unternehmen vier Porzellanöfen und rund 400 Mitarbeiter.

Der große Erfolg kam mit der Produktion der Hummelfiguren, die 1935 ins Programm aufgenommen wurden. Seit 1951 hatte Goebel das alleinige Herstellungsrecht für Walt-Disney-Figuren in Deutschland. Die Designer Arthur Möller und Reinhold Unger waren für die Gestaltung der Figuren verantwortlich. Möller schuf bis 1952 etwa 90 Hummelfiguren.

Die Porzellanfabrik Griesbach war für ihre Tierplastiken und Kinderfiguren bekannt. Besonders erfolgreich waren die 1958 von Albert Strunz entworfenen Wandmasken. Griesbach beschäftigte zu dieser Zeit etwa 350 Mitarbeiter, während Goebel bereits über 800 Mitarbeiter hatte.

Ab den 1970er Jahren geriet die deutsche Porzellanindustrie durch veränderte Verbrauchertrends und ausländische Billigimporte in eine Krise. Griesbach stellte 1973 die Produktion ein, die Creidlitzer Porzellanfabriken folgten 1995. Besonders folgenschwer war die Schließung der Firma Goebel, die 1997 noch 1.300 Mitarbeiter hatte. Nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 brach die Nachfrage in den USA massiv ein, was 2006 zur Insolvenz führte. Die letzten Figuren wurden 2008 gefertigt. Heute gibt es im Landkreis keine Betriebe der feinkeramischen Industrie mehr, doch kleinere Manufakturen und Werkstätten führen die Tradition fort.